S-Bahn-Projekt: Mängel und offene Fragen

Die Streckenführung betrifft nur gut ein Drittel der liechtensteinischen N-S-Ausdehnung und geht bis auf den
Bahnhof Schaan weitgehend an den Ortsgebieten vorbei. Das Leitprojekt S-Bahn Liechtenstein beinhaltet den Doppelspurausbau von der Staatsgrenze in Schaanwald bis zum Bahnhof Nendeln auf einer Länge von 3,9 Kilometern. Es geht hier offenbar um ein Interesse der ÖBB, dass die Züge ohne Behinderung durch den Gegenverkehr fahren können. Dies ist im Interesse der ÖBB und kann nicht zum zweckgebundenen Aufwand für eine S-Bahn «mitgenommen» werden. Dass dies dann auch für jeden anderen Zugverkehr genutzt werden wird, ergibt sich automatisch. Die Lärmschutzmassnahmen gehören ebenfalls nicht zum S-Bahn-Konzept und müssen auch ohne dieses umgesetzt werden. Der Bahnhof in Nendeln soll sogar einen 220 Meter langen Bahnsteig bekommen. Ob je ein Railjet einen definierten Halt machen wird, bleibt ungewiss und ist auch wegen einem ganz anderen Punkt eher abzulehnen als zu befürworten: Die Bahn soll auf der Mittelstrecke (europäischer Städteverkehr bis ca. 600 km) den Flugverkehr ablösen.
Das wird aber nur durch schnelle Städteverbindungen bewerkstelligt werden können. Ob da ein Halt in Nendeln als «schnelle Verbindung» angenommen werden wird, mag da bezweifelt werden, zumal es sehr viele Ortschaften (Städte)
dazwischen gibt, die mehr Anspruch an einen Halt als Nendeln stellen könnten.

Zu viele ungeklärte Fragen
Wie muss die Steigerung der Fahrgastzahlen aussehen, damit sich der Ausbau auch volkswirtschaftlich rentiert, und wo
sollen diese Fahrgastzahlen herkommen?
Wie sehen die weiteren Projekte in der konkreten Verbindung mit der S-Bahn aus? Radabstellplätze werden wohl kein
«Projekt» darstellen – oder doch?
Wie sehen die Busvorfahrten aus? Von wo nach wo werden dann Busse verkehren?
Busse sind eine zwingende Notwendigkeit, weil die S-Bahn bis auf Schaan keinen Ortskern trifft und für Schellenberg und Ruggell kaum einen Wert darstellen kann.

Warum kann das S-Bahn-Projekt als Kernund Leitprojekt des Mobilitätskonzeptes 2030 (noch) nicht angenommen werden?
Jedes Investitionsprojekt braucht, wenn es entscheidungsreif ist, klare Angaben über das Investitionsobjekt anhand einer
nachvollziehbaren Beschreibung.

  • Die Investitionskosten werden für das Fürstentum Liechtenstein mit knapp 72 Mio. CHF angegeben. Wie belastbar ist
    diese Kostenschätzung, zumal die beiden Bahnübergänge in Schaan noch nicht fixiert sind? Ist der Bahnsteigausbau
    in Nendeln darin auch enthalten?
  • Es werden Kosten für den S-Bahn-Ausbau angeführt, die die ÖBB auch ohne S-Bahn generieren müsste. Es wird ein
    Zusammenhang und damit eine Dringlichkeit hergestellt, die so gar nicht gegeben ist.
  • Für einen Taktbetrieb werden zusätzliche Zugsgarnituren benötigt werden. In welcher Form ist das im S-Bahn-Konzept enthalten?
  • Das Mobilitätskonzept mit der S-Bahn als Kernprojekt ist für Menschen mit eingeschränkter Mobilität absolut nicht
    zumutbar, weil es ein oftmaliges Umsteigen erfordert oder – bei anderer Gestaltung der Buslinien – einfach sehr teuer
    wird.
  • Wie hoch werden bei einem Taktbetrieb die laufenden Betriebskosten sein? Wer trägt diese Betriebskosten? Das
    Land, die ÖBB – oder wie wird geteilt?
  • Wie hoch werden die Kilometerkosten je Fahrgast aufgrund der Annahmen beziehungsweise dem Nutzungsverhalten
    sein?

Fünf Punkte (für jeden Finger einen), warum eine Entscheidung über die S-Bahn vertagt und dazwischen weitere
Projektarbeiten gemacht werden sollen:

  1. Die Kostenschätzung ist derzeit nicht ausreichend belastbar, weil Kostenanteile fehlen. Die Wahrscheinlichkeit,
    dass zu einem späteren Zeitpunkt ein Nachtragsbudget zur Abstimmung kommen wird, ist sehr hoch bis fast sicher.
  2. Aussagen über die zu erwartenden Betriebskosten fehlen gänzlich.
  3. Belastbare Annahmen über Fahrgastintensitäten fehlen (zeitlich differenzierte Sankey-Analyse)
  4. Belastbare Aussagen über jährliche Staatszuschüsse können derzeit nicht gemacht werden und fehlen.
  5. Das Mobilitätskonzept berücksichtigt in keiner Art und Weise Menschen mit jeder Art von eingeschränkter Mobilität.

Schlusserklärung
Mein Engagement richtet sich absolut nicht gegen «irgendjemanden», sondern ist alleine auf meine gefühlte Verpflichtung als Fachexperte und Liechtensteiner begründet. Was ich aber nicht kann, ist – und das schulde ich meinen Kindern und Kindeskindern und meinen Landsleuten – bei einem derart wahrgenommenen Mangel an Entscheidungsgrundlagen zu schweigen. Mein Engagement richtet sich auch nicht für oder gegen eine politische Partei, und ich lasse mich auch nicht für eine Partei über die Darstellung der offensichtlichen Mängel hinaus benutzen.

Zur Person: Dr. Norbert Obermayr ist promovierter Wirtschaftsingenieur für Maschinenbau und Maschinenbauingenieur und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für Logistik. Er übt seit 1980 Lehrtätigkeiten an diversen Universitäten (TU-Graz, Middlesex University London) und Fachhochschulen (Oberösterreich, Wels) aus. Dr. Obermayr ist Bürger von Eschen.

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