Handlungsbedarf ist offensichtlich

ROTWILDBESTAND, VERKEHRSUNFÄLLE UND WOLFSRISSE:

Die jüngste Meldung über den Wolfsriss eines Rothirsches in Siedlungsnähe bei Triesenberg sorgt für Aufmerksamkeit und wirft grundlegende Fragen zur Entwicklung unseres Wildbestandes und zur Wirksamkeit der Jagdpolitik auf.

Text: Martin Seger

Bereits vor einigen Jahren wurde wiederholt auf die stetige Zunahme des Rotwildbestands hingewiesen. Diese Warnungen wurden jedoch nicht nur fachlich kritisiert, sondern teils auch mit persönlichen Angriffen beantwortet.

Heute zeigt sich, dass zentrale Risiken, auf die damals aufmerksam gemacht wurde, real geworden sind.

DEUTLICH GEWACHSENER ROTWILDBESTAND

Die aktuelle Rotwild-Nachttaxation 2026 bestätigt die Entwicklung eindrücklich: Bei der Zählung vom 17. März 2026 wurden insgesamt 413 Stück Rotwild erfasst. Dabei wurde eine grosse Dunkelziffer von Tieren, die sich während der Zählung im Wald befanden, nicht berücksichtigt. Die Jagdgemeinschaften hatten sich in den Pachtverträgen verpflichtet, einen Zielwert von 100 bis 120 Tiere zu erreichen.

Die Zahlen bestätigen den anhaltenden Aufwärtstrend der vergangenen Jahre. Ein wachsender Bestand bringt jedoch nicht nur ökologische, sondern auch sicherheitsrelevante Herausforderungen mit sich.

VERKEHRSUNFÄLLE UND GESUNDHEITSRISIKEN

Mit steigenden Wildbeständen nehmen auch die Risiken zu. Wildunfälle mehren sich, darunter auch schwere Kollisionen, wie sie regelmässig in den Medien dokumentiert werden. Neben der unmittelbaren Gefahr für Menschenleben entstehen auch erhebliche Sachschäden.

In diesem Zusammenhang wird häufig auf bauliche Massnahmen wie die geplante oder bestehende Wildtierbrücke bei der Feldkircher Strasse verwiesen. Solche Projekte können lokal dazu beitragen, Wildwechsel sicherer zu gestalten und einzelne Unfallpunkte zu entschärfen.

Sie lösen jedoch das Grundproblem nicht. Eine Wildtierbrücke bekämpft Symptome und nicht die Ursache. Solange die Bestände weiter wachsen, bleibt das Risiko von Wildunfällen insgesamt hoch und verlagert sich lediglich räumlich.

Hinzu kommt ein weiteres, oft unterschätztes Risiko: Tuberkulose (TBC) im Rotwildbestand. In Vorarlberg ist diese Problematik bereits Realität und rückt zunehmend näher an die Landesgrenzen heran. Eine hohe Wilddichte begünstigt die Ausbreitung solcher Krankheiten erheblich.

WOLFSRISSE ALS FOLGE DER ENTWICKLUNG

Der aktuelle Wolfsriss ist kein isoliertes Ereignis. Vielmehr entspricht er einem bekannten ökologischen Zusammenhang: Wo grosse Wildbestände vorhanden sind, folgen früher oder später auch grosse Beutegreifer. Oder anders formuliert: Wer Rotwild in grosser Zahl zulässt, schafft auch die Grundlage für die Rückkehr des Wolfs.

Dass solche Risse nun in unmittelbarer Siedlungsnähe und sogar in der Umgebung von Spielplätzen stattfinden, erhöht die Sensibilität in der Bevölkerung zurecht. Nun ist die Politik gefragt, umgehend Lösungen in die Wege zu leiten, damit solche Vorkommnisse in Siedlungsnähe nicht mehr stattfinden. Der Schutz des Menschen steht über dem Schutz von Wildtieren.

JAGDGESETZ OHNE AUSREICHENDE WIRKUNG

Die Jagdgesetzanpassung der letzten Legislaturperiode hatte zum Ziel, genau diese Entwicklungen zu steuern.

Die aktuellen Zahlen und Ereignisse legen jedoch nahe, dass die gewünschten Effekte nicht eingetreten sind. Weder konnte der Rotwildbestand nachhaltig stabilisiert werden, noch wurden die damit verbundenen Risiken wirksam reduziert.

ZEIT FÜR EINE GRUNDLEGENDE NEUAUSRICHTUNG

Die vorliegenden Fakten, steigende Bestände, zunehmende Verkehrsunfälle, gesundheitliche Risiken und nun auch Wolfsrisse in Siedlungsnähe zeigen klar: Ein «Weiter wie bisher» ist keine Option.

Die Entwicklung war absehbar und wurde auch benannt. Umso wichtiger ist es jetzt, die notwendigen Konsequenzen zu ziehen. Es braucht eine grundlegende Überprüfung und Neugestaltung des Jagdwesens. Denn wenn nicht rechtzeitig gehandelt wird, besteht die reale Gefahr, dass Fehlentwicklungen nicht nur ökologische oder wirtschaftliche Schäden verursachen, sondern letztlich auch Menschenleben gefährden.

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