Neubau Landesspital in der Krise

Der Neubau des Liechtensteinischen Landesspitals steckt in einer tiefen Krise. Mehr als sechs Jahre nach der ersten Volksabstimmung liegt noch immer kein belastbares Vorprojekt vor. Statt Fortschritt prägen Anforderungsanpassungen, Projektüberprüfungen, Kostensteigerungen, Vergabefehler und Planungsmängel den Verlauf.

Text: Thomas Rehak

Das Resultat ist ein wachsender Vertrauensverlust in der Bevölkerung – verbunden mit der immer dringlicheren Frage, ob dieses Projekt überhaupt noch zu retten ist.

Die Regierung mit den zuständigen Ministern Emanuel Schädler und Daniel Öhry versucht nun erneut, Zeit zu gewinnen. Bis Herbst 2026 soll ein weiteres Konzept klären, ob und wie das Projekt weitergeführt werden kann. Dafür sind zusätzliche CHF 350’000 bis CHF 500’000 vorgesehen. Anschliessend müsste das Vorprojekt weiter vertieft werden – mit zusätzlichen Kosten, jedoch ohne Garantie auf verlässliche Gesamtkosten.

Dieses Vorgehen weckt zunehmend den Eindruck mangelnder Verantwortung und fehlender Entscheidungsfähigkeit.

WILLE-AREAL IN DER KRITIK

Es stellt sich die grundsätzliche Frage, ob das Wille-Areal als Standort überhaupt geeignet ist. Das Gutachten der Blumergaignat AG vom Dezember 2025 weist auf gravierende strukturelle Probleme hin. Viele davon lassen sich auf dieser Parzelle nur schwer oder gar nicht beheben.

TOPOGRAFIE UND PARKPLÄTZE

Zwischen Strasse und Haupteingang sind 3,3 Meter Höhenunterschied zu überwinden (ca. 6 Prozent Steigung). Dies führt zu problematischen Quergefällen bei den Parkplätzen.

Technisch ist dies zwar machbar, stellt jedoch für ältere Menschen, mobilitätseingeschränkte Personen oder Rollstuhlfahrer eine erhebliche Hürde dar. Damit werden grundlegende Anforderungen an Barrierefreiheit nicht ausreichend erfüllt – ein klarer Mangel für ein neues Spital.

NOTFALLZUFAHRT

Die geplante Notfallrampe weist eine Steigung von rund 9 Prozent bei einer Länge von 50 Metern auf und beinhaltet zusätzlich eine 90°-Kurve. Eine solche Ausgestaltung ist für Rettungsfahrzeuge und Patiententransporte problematisch und entspricht kaum einer praxistauglichen Lösung. Sicherheitsrisiken sind nicht auszuschliessen. Besonders kritisch ist, dass dieses Problem im Zusammenhang mit dem projektierten Gebäude nur schwer zu beheben ist.

AUSSENRAUMQUALITÄT

Der Aussenbereich ist gemäss Gutachten stark durch Verkehrsflächen geprägt. Es fehlen zusammenhängende Grün- und Aufenthaltsbereiche, die für Patienten, Besucher und Personal von grosser Bedeutung wären.

VERKEHRSANBINDUNG

Die Zollstrasse, die Rheinstrasse und der Rheindamm sind bereits heute zu Stosszeiten stark überlastet und teilweise verstopft. Dies beeinträchtigt die Erreichbarkeit – insbesondere in Notfallsituationen – sowohl für den Individualverkehr als auch für die Rettungsdienste.

ZUSATZINVESTITIONEN FÜR DEN LANDESWERKHOF

Im Wille-Areal ist derzeit ein Teil des Landeswerkhofs angesiedelt. Bei einer Realisierung des Spitalprojekts müssten diese Gebäude rückgebaut werden, wodurch eine Ersatzlösung zwingend erforderlich würde. Eine solche Verlagerung hätte weitreichende Konsequenzen: Sie würde voraussichtlich ein umfangreiches Folgeprojekt bis hin zur Neuorganisation der Landeswerkhöfe auslösen. Es ist davon auszugehen, dass die Umsiedlung mit erheblichen Kosten verbunden wäre. Es handelt sich dabei um vermeidbare, standortbedingte Mehrkosten, die keinen direkten Nutzen für das Spitalprojekt erbringen. Diese Mittel wären an einem funktional geeigneten Standort deutlich sinnvoller investiert.

ENTSCHEIDEND IST DER STANDORT

Ein Spital ist auf barrierefreien Zugang, zuverlässige Erreichbarkeit und qualitativ hochwertige Aussenräume angewiesen. Die analysierten Defizite legen nahe, dass das Wille-Areal diesen Anforderungen nicht gerecht wird.

Daher stellt sich die zentrale Frage, ob an diesem Standort überhaupt noch festgehalten werden sollte.

UNZÄHLIGE PROJEKTMÄNGEL

Das Gutachten der Blumergaignat AG zeigt deutlich, dass das Projekt «Inspira II» nicht nur punktuelle, sondern erhebliche strukturelle Defizite aufweist.

Bauliche und funktionale Defizite

• Der Gebäuderaster von 8,0 x 8,0 m entspricht nicht den Anforderungen hochinstallierter Bereiche (üblich: 8,1–8,4 m).
• Flächen für Operationssäle und Radiologie sind zu knapp dimensioniert.
• Geschosshöhen in sensiblen Bereichen sind um 10–30 cm zu niedrig.
• Einer der beiden Operationssäle ist funktional ungünstig platziert.
• Geschosshöhen in Bettenstationen und Büros sind teilweise überdimensioniert.
• Verwaltungsflächen sind überproportioniert.
• Die technische Planung (HLKS – Heizung, Lüftung, Klima, Sanitär) entspricht nicht dem Stand eines Vorprojekts.
• Tiefgaragenplätze sind mit 2,6 m zu schmal.
• Grosse Flächen der Bettenbereiche sind ohne Tageslicht.
• Patientenzimmer sind für eine Zweibettennutzung zu klein und unzureichend ausgestattet.
• Problematische Gebäudestruktur (u. a. Raster, Statik)

Die Gutachter halten fest, dass alternative Gebäudetypologien deutlich vorteilhafter wären.

Bewertung: Das im Vorfeld der Abstimmung vermittelte Bild eines ausgereiften Vorprojekts wird durch das Gutachten klar widerlegt.

ZWEIFEL AN KOSTEN UND PLANUNG

Besonders kritisch ist die Einschätzung der Kostenentwicklung. Die behauptete Einsparung von 13,6 Prozent bei «Inspira II» wird von den Gutachtern deutlich infrage gestellt.

Es besteht der Verdacht, dass diese Reduktion auf zu optimistischen Annahmen oder politisch motivierten Zielvorgaben basiert. Das Risiko erheblicher, späterer Kostensteigerungen ist entsprechend hoch.

Rückblickend zeigt sich:

• Es liegt KEIN belastbares Vorprojekt vor.
• Zentrale funktionale Mängel bestehen weiterhin.
• Ungenaue und damit unsichere Kostenschätzungen

Damit entsteht eine deutliche Diskrepanz zwischen der politischen Darstellung im Jahr 2024 und dem tatsächlichen Projektstand Anfang 2026.

VERTRAUEN ERSCHÜTTERT

Das Vertrauen der Bevölkerung ist nachhaltig beschädigt. Wiederholte Versprechen wurden nicht eingehalten. Stattdessen folgten neue Probleme und zusätzliche Kosten.

Die Bereitschaft, weitere Millionen in das Projekt Inspira zu investieren, nimmt deutlich ab.

Die zentrale Frage lautet daher: Weiterführen oder neu beginnen?

Das Gutachten lässt zwei Optionen offen:

1. Grundlegende Überarbeitung (faktisch ein neues Projekt «Inspira III»)
2. Abbruch und vollständiger Neustart

Ein «Weiter wie bisher» ist keine realistische Option mehr.

Hinzu kommt: Die Gutachter weisen darauf hin, dass sich die Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen seit Projektbeginn deutlich verändert haben.

Damit wird auch eine grundlegende Neubewertung des Leistungsauftrags notwendig.

Diesen Hinweis zu ignorieren, wäre politisch nicht verantwortbar.

NEUSTART ALS KONSEQUENTE LÖSUNG

In der aktuellen Form erscheint das Projekt kaum mehr tragfähig. Ein Abbruch von «Inspira II» und ein klar definierter Neustart sind daher die konsequenteste Lösung.

Ein solcher Neustart erfordert:

• eine ehrliche Klärung des Leistungsauftrags
• eine Neubewertung der heutigen Anforderungen im Gesundheitswesen
• einen transparenten und glaubwürdigen politischen Prozess

NEUBAU AM BESTEHENDEN STANDORT

Eine naheliegende Alternative ist ein Neubau am bisherigen Standort. Ein solcher wurde bereits 2019 geprüft.

Die Vorteile sind weiterhin überzeugend:

• etablierte Infrastruktur
• hohe Flexibilität
• gute Erweiterungsmöglichkeiten
• optimierte Verkehrserschliessung
• funktionale Integration bestehender Strukturen

Die Kosten werden heute höher als im Jahr 2019 prognostiziert (Stand 2019: CHF 61 Mio.). Die Aussichten auf ein deutlich besser funktionierendes und zukunftsfähiges Projekt sind intakt.

SCHLUSS MIT DEM WEITERWURSTELN

Das Landesspital ist DAS zentrale Element der Gesundheitsversorgung Liechtensteins. Ein strukturell mangelhaftes Projekt weiterzuführen, gefährdet sowohl finanzielle Ressourcen als auch die Qualität der zukünftigen Versorgung.

Die Politik steht nun vor einer Richtungsentscheidung: konsequent handeln – oder weiter Zeit, Geld und Vertrauen verspielen.

Eines ist klar: Ein «Weiter wie bisher» ist nicht mehr glaubwürdig.

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