Wie sieht die Zukunft unserer Wirtschaft aus?

Politische Ziele ändern sich. Nichts ist so konstant wie der Wandel. Wichtige gesellschaftliche Entwicklungen müssen rechtzeitig erkannt werden, um sie beeinflussen und steuern zu können. Der gesellschaftliche Wandel verändert unsere Lebensbedingungen in vielen Bereichen. Für die Wirtschaft- und Sozialpolitik ist dies eine bleibende Herausforderung, denn es entstehen laufend neue Risiken, aber auch Chancen.

Um die Zukunft zu gestalten, muss die Politik nicht nur in die nahe, sondern – noch wichtiger – in die ferne Zukunft blicken. In unserer Verfassung heisst es: «Die oberste Aufgabe des Staates ist die Förderung der gesamten Volkswohlfahrt.» Die Verfassung gibt also klar vor, was das Ziel zu sein hat. Die politischen Etappenziele müssen aber jeweils dem Wandel der Zeit angepasst werden. Es ist leider unmöglich, auf gerader und somit kürzester Linie die «gesamte Volkswohlfahrt» anzusteuern. Auf Kurs bleiben, heisst in der Politik, sich immer wieder nach der internationalen Grosswetterlage auszurichten.

Lohnniveau
Eine Aufgabe der Politik könnte deshalb die Kontrolle und Steuerung der Lohnniveaus im Vergleich zu unseren Nachbarländern Schweiz und Österreich sein. Wir müssen uns auch fragen, wie beeinflussen die Billiglöhne bzw. Eurolöhne im Euroraum die Arbeitswelt und somit die «Volkswohlfahrt» in Liechtenstein? Bestehen Zusammenhänge mit der seit Jahren sinkenden Arbeitsproduktivität in Liechtenstein?

Lehrerverdienst
Im Namen aller Lehrervereine in Liechtenstein erhielten die Abgeordneten einen Brief, mit der Bitte, für ein besseres Lehrer-Gehalt zu sorgen. Die erste Reaktion ist: Die Lehrer verdienen doch genug. Nach zehn Dienstjahren erhält eine Kindergärtnerin CHF 81 682* und ein Sekundarlehrer CHF 126 260* Jahreslohn. Hinter diesem Brief stehen sicher nicht alle Lehrer, weil sie wissen, dass die meisten Eltern, von denen sie die Kinder unterrichten dürfen, mit einem weit kleineren Gehalt den Lebensunterhalt bestreiten.

Abwanderung
Die in diesem Schreiben eingefügten Vergleichstabellen mit den Lehrergehältern im Kanton St. Gallen lassen aber aufmerken. In der Schweiz verdienen die Lehrer besser als hierzulande. Nach zehn Dienstjahren verdient im Kanton St. Gallen eine Kindergärtnerin CHF 97‘072*, also CHF 15‘390 mehr, ein Sekundarlehrer CHF 134‘417*, also CHF 8‘157 mehr pro Jahr als bei uns. «Eine gegenteilige Bewegung hat eingesetzt – nämlich die Abwanderung von Lehrpersonen in die benachbarte Schweiz», schreibt die Lehrerschaft.

Die Kernfrage ist: Ist dieses Lohngefälle auf Lehrer beschränkt oder weitet sich das langsam auf andere Branchen aus? Das wäre eine Katastrophe!

Hoher Ausländeranteil – Risiko
Bei uns sind 70 von 100 Beschäftigten Ausländer. 54 von 100 Beschäftigen sind Grenzgänger, gut die Hälfte aus der Schweiz. Wenn sich im Kanton St. Gallen auch in den anderen Branchen, als die der Lehrer, die Lohnschere zu Gunsten der Schweiz öffnen würde, verlieren wir gute Arbeitskräfte an den Kanton St. Gallen. Mit der Abwanderung würde gleichzeitig viel Wissen abfliessen. Neues Arbeitspersonal müsste dann von weiter her rekrutiert werden. Aber auch die Kontinuität ginge verloren, weil Personal aus ferneren Ländern nicht den gleichen Bezug zum Wirtschaftsstandort Rheintal mitbringt und oft auch nur eine paar Jahre hier arbeitet, um Geld zu verdienen. Das bedeutet insgesamt eine sinkende Wirtschaftsleistung, welche tiefe Spuren hinterlässt.

Was kann man tun?
Um einerseits die Wirtschaft im Schwung zu halten und andererseits für die heutigen Grenzgänger die Renten in 20 Jahren im Umlageverfahren mit prozentualen Beiträgen aus den Löhnen der nachfolgenden Generation zu finanzieren, sind konkurrenzfähige Löhne gegenüber dem Kanton St. Gallen von grosser Bedeutung. Fest steht, mit Subventionen die resultierenden Kosten einer möglichen Abwanderung auffangen zu wollen, ist unbezahlbar. Es braucht intelligentere Lösungen damit die Arbeitskräfte nicht in die Schweiz abwandern, falls es soweit kommt, dass sie dort mehr verdienen. Einen attraktiven Wirtschaftsplatz mit höheren Löhnen als im Kanton St. Gallen zu sichern, das dürfte eine Aufgabe der neuen Regierung und des neuen Landtags werden.

Sinkendes Bruttonationaleinkommen
In diesem Sinne haben die Lehrer mit ihrem Schreiben auf ein mögliches Zukunftsproblem aufmerksam gemacht. Es gibt genug Lehrer von irgendwo aus der EU, die gerne hier arbeiten würden. Allerdings steht auf einem anderen Blatt, ob damit eine für Liechtenstein unabdingbare gute Bildung, die sich am Bildungswesen der Schweiz orientiert, gewährleistet werden kann. Jetzt nur die Gehälter der Lehrer aufzubessern, greift zu kurz. Das Problem liegt tiefer, bei uns sinkt das Bruttosozialeinkommen. Das wirkt sich auf alle Beschäftigten negativ aus und senkt den Wohlstand. «Die für Liechtenstein wichtige Kennzahl des Bruttonationaleinkommens pro Kopf sinkt sogar seit mehreren Jahren. Seit der Jahrtausendwende sinkt auch die reale Arbeitsproduktivität.» «In der Tat ist die preisbereinigte Arbeitsproduktivität in der liechtensteinischen Industrie heute sogar tiefer als 1998.» (Zitate von Stiftung zukunft.li) Um nicht weiter abzudriften, müssen wir schon selber die Segel in die Hand nehmen. Es nützt nichts, mit Zuwanderung den gesamten Umsatz zu erhöhen, wenn die ganze Arbeit immer weniger rentiert. Stattdessen könnte ein Beitrag sein, den nationalen Zusammenhalt zu fördern, Ansprüche an den Arbeitsplatz zurückzustellen, aber auch die Politik muss einen Beitrag leisten.

Beschäftigungs- statt Produktivitätsboom
«In den vergangenen Jahrzehnten ist die Zahl der Zupendler – ausgehend von knapp 7’000 Personen im Jahr 1990 – geradezu explodiert.» «Über die Wechselwirkungen zwischen der schlechten Produktivitätsentwicklung und der steigenden Beschäftigung lässt sich ohne vertiefte Analysen nur spekulieren», schreibt zukunft.li. Fest steht: «Kein anderes Land hat zwischen 2008 und 2013 einen derart starken Rückgang des pro Kopf-BNE (pro Kopfnationaleinkommen) hinnehmen müssen.» «So erhielten die Zupendler nach Liechtenstein 2014 Bruttolöhne von insgesamt ca. CHF 1.5 Milliarden ausbezahlt, was 55 % der gesamten Bruttolöhne in Liechtenstein entspricht.» «Die wirtschaftliche Entwicklung Liechtensteins seit 2008 ist aus der Sicht der Bevölkerung also deutlich schlechter, als es die BIP-Entwicklung vermuten lässt.» (zukunft.li). (Nebenbei: Der starke Anstieg der Anzahl von Grenzgängern bringt uns momentan sehr viel Geld in die AHV, aber in ein paar Jahren wird der Bumerang zurückkommen, wenn sehr viele AHV-Bezüge ins Ausland auszuzahlen sind).

Niedriglohnjobs
Nun den Schluss zu ziehen, Arbeitsplätze im Niedriglohnbereich zu eliminieren, ist nach meiner Ansicht der falsche Ansatz. Die Arbeitsabläufe in im Niedriglohnsektor, vorab in der Massenproduktion, können oft ohne spezifische Vorkenntnisse schnell erlernt werden. Diese Arbeitsplätze braucht es, um ungelernte oder solche die keine anspruchsvolle Tätigkeit ausführen können oder wollen, zu beschäftigen. Aber auch Arbeitslose könnten für eine solche Tätigkeit eingesetzt werden, bis sich wieder etwas Besseres findet, anstatt die Arbeitslosenkasse zu belasten. In Liechtenstein ist die prozentuale Arbeitslosigkeit bei den bis 25-jährigen am höchsten, bei den über 50-jährigen ist sie am geringsten. Nicht ausser Acht gelassen werden darf, dass Betriebe mit Massenproduktionen auch Führungspersonen, technisches Personal, Planer, Verkäufer usw. beschäftigen und Aufträge an Transportfirmen, Handwerker, Zulieferer und andere erteilen.

Wo liegen die Ursachen, dass in Liechtenstein die Arbeitsproduktivität seit Jahren nachlässt? Liegt es an der Qualität, an der Quantität? Liegt es an der digitalen Welt, welche die Arbeit an andere delegiert? Liegt es an der Einstellung, an der Arbeitshaltung? Liegt es an der engmaschigen, europaweiten Bürokratie, die den Spielraum für Eigeninitiative stark einengt? Welche Möglichkeiten gibt es eine qualitative Arbeitsproduktivität zu stabilisieren? Dies sind alles Fragen, die beantwortet werden müssen, wenn wir unsere Lebensqualität beibehalten wollen.

*Zahlen von Regierungsrätin Aurelia Frick

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